PERSONAL: Piercings/Körperschmuck im seriösen Leben.

Samstag, April 02, 2016

Stets dann, wenn ich besonders auf meinen geliebten Körperschmuck hinweise – sei es durch ein Instagram-Foto meines neuesten Tattoos oder ein Foto, auf dem man all die Piercings an meinen Ohren erkennt – so erreichen mich recht häufig Fragen zur Vereinbarkeit von Körperschmuck (über das sozial anerkannte Maß von durchstochenen Ohrläppchen hinaus) und Job. Meist wird vermutet, dass ich in einem kreativen Umfeld arbeite, vielleicht sogar freiberuflich. Werbung, Agenturen, sowas eben. Die Wahrheit ist: mein Job ist das bodenständigste und langweiligste, das den meisten von euch einfallen wird. Und ich mag’s so. Vielleicht als Anregung, vielleicht als Dämpfer und vielleicht zum Anregen für weniger Oberflächlichkeit im Berufsleben habe ich mich an diesen Post gemacht.

Piercing oder Tattoo?

Ich mag beides, ich habe beides. Mit 18 Jahren habe ich mir die ersten meiner Ohr-Piercings stechen (und schießen! SEHR DUMM!) lassen und ein paar Jahre an den Ohren und dem restlichen Körper gefeilt, bis ich nun doch sehr zufrieden bin mit dem, was ich als Körperschmuck trage. Später kamen bei mir auch noch Tätowierungen hinzu, die ich mir allerdings stets besser/länger/intensiver durch den Kopf gehen lasse, als so ein Piercing. Das Letztere ist im Zweifel a) schnell gemacht aber auch b) ebenso schnell entfernt und c) es bleibt nichts zurück. Ich habe sehr gute Piercer gefunden; wenn ihr im Raum Düsseldorf noch sucht, meldet euch gern!

Tattoos hingegen sind eine weitere, irgendwie noch ganz andere Kunstform. Zunächst einmal bleibend und dann auch nicht mal so mir nichts, dir nichts entfernbar. Im Zweifel kann ich hingehen und fix (zumindest relativ fix) all mein “Metall” entfernen und zurück bleibt erstmal nichts weiter, als kleine unauffällige Einstichlöcher. Bei Tätowierungen sieht die Nummer ganz anders aus. Also: Augen auf beim Aussuchen

  • des Motivs
  • des Artists (!) und
  • der Körperstelle

 

Ich bin tätowiert und gepierct – muss ich was im Berufsleben beachten?

Für euer berufliches Umfeld ist nur wichtig, was auch sichtbar ist bzw. euch behindern könnte. Bei mir demnach Gesicht und Ohren. Alles weitere stört mich nicht und niemand anderes kann es sehen, dies können wir also außer Acht lassen. Wenn ihr viel körperlich arbeitet, achtet drauf, dass ihr nicht eingeschränkt werdet. Ein eingeklemmtes Bauchnabelpiercing ist beispielsweise weder witzig noch gut zu erklären.

Tattoos sollten verdeckbar sein. Natürlich gilt hier: je nach Branche ist man da lockerer oder eben nicht so locker. Das einzige, was ich für schwer halte: Gesicht, Hals, Hände. Alles andere kann problemlos verdeckt werden. Ich bin am Arm, einem Oberschenkel, dem Rücken, der Leiste und den Rippen tätowiert. Keins davon sieht man, wenn ich ansprechende und ordentliche Büro-Kleidung trage (sprich: Anzughose + Bluse). Beachtet also bei der Wahl eures Schmucks

  • wie sehr möchte ich dieses Tattoo? Sehr? Alles klar – dann wirst du es auch nicht schlimm finden, ggf. immer langärmlige Sachen zu tragen, wenn du das im Job nicht eh solltest (Kurzarmhemden gehören eh verboten!)
  • muss ich vielleicht nichts verstecken, weil in meinem Job das sogar begrüßt wird? Dann hau rein, kein Stress. Aber denk an die Zukunft. Ob das große “I love Mutti” am Hals in 15 Jahren noch der Shit ist, wenn du dann doch nicht mehr bei Urban Outfitters arbeitest, daran solltest du den ein oder anderen Gedanken verschwenden. Ist es problemlos verdeckbar, dann ehre Mutti mit dem Bild auf deinem Körper
  • wenn es mich in meiner täglichen Arbeit stört, sollte ich es vielleicht doch unterlassen. Es wird dich nerven und stören. Versuch deine täglichen Bewegungsabläufe zu durchdenken, bevor du dir den Raum zwischen den Fingern mit Dermal Anchors verschönern lässt.

Ich habe demnächst ein Bewerbungsgespräch – und sichtbare Piercings.

Zunächst: beachtet die wesentlichen Grundsätze eines Bewerbungsgesprächs. Der Branche angemessene Kleidung (bei mir: Anzug bzw. Kostüm oder etwas vergleichbares), gepflegtes Äußeres, das euch unterstreicht und nicht überdeckt und bereitet euch vor. Denn natürlich ist euer Äußeres eine erste Visitenkarte, mit der ihr punkten oder verlieren könnt. Niemand findet es großartig, wenn ihr in fleckiger, schlecht sitzender Kleidung dort sitzt, Kaugummi kaut, den pinken Lippenstift verschmiert habt und euch nicht vorbereitet habt. Wenn ihr dann auch noch gepierct und/oder tätowiert seid, wird man es leicht auch darauf schieben. Aber denkt nicht, dass euer Gegenüber ausschließlich fasziniert eure Piercings, Augenbrauen (auch wenn sie on fleek sind) oder die neuen Prada-Pumps anschaut. Er möchte etwas über euch, eure Qualifikation und eure Motivation erfahren. Für mich gehört Ehrlichkeit absolut dazu: die sichtbaren Piercings, das bin ich und das hebt mich auch ein Stück weit von meiner “Konkurrenz” ab. Aber ich bin kein Tattoo oder Piercing-Model (gibts wirklich!), also betone ich auch nichts. Meiner Erfahrung nach geht bei einem ansonsten seriösen Auftreten die Piercings wirklich unter. Anders als viele Ratgeber rate ich davon ab, den Schmuck, den ihr gern auch im Alltag tragen wollt, für ein Bewerbungsgespräch abzulegen. Ich versuche lieber meinen potentiellen neuen Arbeitgeber davon zu überzeugen, dass Piercings kein Thema sind. (Hat im übrigen immer geklappt)

Schmuckwahl.

Wie ihr hier immer wieder seht, habe ich mich für recht kleinen bzw. schmalen meist silbernen Schmuck entschieden. Ich trage überall die kleinste Schmuckgröße und beschränke den Glitzer in der Menge und Größe. Und der Farbe: ein pinker oder blauer Stein am Mund kann schneller auffallen, als eine silberne Kugel bzw.ein dezenter Stein. Ein wenig aus dem Fenster lehn ich mich mit dem Ringen an den Ohren und dem Nasenring. Da setz ich ein bisschen drauf, dass ich dies mit Outfits wieder wett mache, denn Ringe in der Nase sind deutlich auffälliger als ein kleiner Stecker. Ebenso wichtig: haltet es einhaltlich. Keine wilden Muster, am besten kein Plastik, nicht unbedingt Silber & Gold mixen.

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Aber schlussendlich zählt nur eins: du musst dich mit deiner Entscheidung und deinem Körper wohlfühlen. Ich glaube sehr ehrlich daran, dass Menschen, die eben dies empfinden, grundsätzlich überzeugende Persönlichkeiten sind. Und dies auch in andere Bereiche ihres Lebens transportieren können. Wear yourself with pride!

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14 Kommentare

  1. So ein toller Beitrag! Ich denke auch, dass all das kein Problem sein sollte und wie du schon sagst, wenn Piercings einheitlich sind, sollten sie auch nicht unbedingt jemanden stören. Es zählt ja vor allem, wer da sitzt und was er kann und wenn ansonsten nichts gegen eine Einstellung spricht, werden wohl Piercings nichts an der Entscheidung ändern. Glücklicherweise ist in meiner "Branche" das Äußerliche ohnehin zweitrangig, solang Leute freundlich sind und etwas auf dem Kasten haben.

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    1. Ja, genau. Es kommt eben immer darauf an, wie man es verpackt und sich "verkauft". Aber sehr cool, wenn man eh weiß, dass es in der eigenen Branche nicht so wichtig ist. Das sollte auch in weiteren Bereichen Einzug finden, finde ich!

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  2. Kann ich genauso unterschreiben! Ich handhabe es so, dass ich meine 8 mm Tunnel auf der Arbeit ganz normal trage, wir haben allerdings auch keinen direkten Kundenkontakt. Auf Workshops und anderen Dienstreisen trage ich Silikonplugs mit größeren Ohrsteckern wie zB halbierte Perlen usw., bei der Größe fällt das überhaupt nicht auf. Septum trage ich auf der Arbeit immer eingeklappt und nur in der Freizeit ausgeklappt, das geht ja aber auch super schnell hoch und runter.

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    1. So ein Septum ist ja wirklich easy zu verstecken :D Habe ich jetzt immer wieder mal gehört, dass Leute das so handhaben! Ich habe inzwischen nur mehr selten direkt Kundenkontakt, aber auch als ich ihn hatte, habe ich es genauso gehandhabt wie jetzt. Ich habe nur drauf geachtet, immer wirklich ordentlich gekleidet zu sein, und keine Jeans o.Ä. :)

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  3. Ein toller Beitrag und ich kann allem nur zustimmen. Tattoos sind in meinem Arbeitsfeld (zum Glück) überhaupt kein Problem, trotzdem sind meine an Stellen, die man einfach verdecken kann. Meine Piercings im Ohr sind wenig auffällig, Zungenpiercing sieht (fast) niemand und mein Septum ist eingeklappt.

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    1. Zungenpiercings fallen nur dann auf, wenn man sie hört beim Sprechen oder jemand (unbewusst) daran herum spielt....

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    2. Glaube, mein Zungenpiercing ist noch fast niemandem aufgefallen. Nur als es neu war, dachte mein Chef ich hätte Zahnschmerzen :D

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    3. @Anonym: wenn man sie hört beim Sprechen sind sie auch falsch angebracht und sehr gefährlich für die Zähne! Das sollte nie der Fall sein. Rumspielen geht mMn GAR NICHT im beruflichen Umfeld.

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  4. Toller Beitrag. Gefällt mir gut! Ich bin froh, dass es niemanden interessiert, was ich mache hinsichtlich Tattoos & Piercings.
    Liebe Grüße
    Anke

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    1. Danke dir! :) Und Daumen hoch für die Einstellung!

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  5. Die grundsätzliche Idee es sich gut zu überlegen finde ich wichtig. Kaum jemand mit 18 weiss, was und wo er/sie mit 40 arbeiten wird. Ich finde da sollte man sein Leben nicht von mit 18 wichtigen Statements beeinflussen lassen. Meine Erfahrung mit Piercings und Tattoos in Bewerbungsgesprächen ist, dass Ehrlichkeit und das Stehen zu dem was man hat besser ankommt, als ein Kaschieren an sichtbaren Stellen durch Pflaster oder Verbände- irgendwann kommt es doch heraus...
    In Deutschland scheint es nicht nur von Branche/Beruf abzuhängen wie akzeptiert Piercings und Tattoos sind sondern auch von der Region. Was in Berlin geht, geht noch lange nicht in München oder einer bayrischen Kleinstadt und natürlich gelten auch in anderen Ländern andere Regeln - all das sollte man bedenken.
    LG Blunia

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    1. Hallo Blunia, ja da hast du absolut Recht!! Es ist eben wichtig, sind zumindest in seiner Vorstellungskraft Gedanken zu machen und auch mal Gegenstimmen zu Wort kommen zu lassen. Zumindest dann, wenn es an Stellen ist, die man kaum verstecken kann. Mir persönlich ist es ansonsten egal, welche Kollegin mit einem mies gestochenen chinesischen Zeichen am Steiß rumläuft, das sie bereut, ich seh's ja net :D

      Natürlich kann man Stadt/Dorf und auch Regionen nicht richtig vergleichen, das ist ein richtiger und wichtiger Punkt! Ich selbst habe auf dem Dorf gearbeitet und die meiste Zeit in der Stadt. Ich hatte trotz sehr konservativer Branche keine Probleme. Wie das in anderen Bundesländern abläuft, da habe ich natürlich keine Ahnung :)

      Liebe Grüße

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  6. Schöner Post!
    Ich bin sowohl gepierct als auch tätowiert und ich habe glücklicherweise einen Job, bei dem das niemanden interessiert: ich bin Lehrerin. ;-)

    Ich finde aber auch, dass Piercings und Tattoos einem gepflegten, seriösen Äußeren nicht widersprechen. Es sollte immer pflegt und nicht überladen sein. Solange die Person aber authentisch ist, finde ich beides super. Und ich würde definitiv nicht ab der Qualität einer Beratung, zB in einer Bank, Zweifel, weil jemand gepierct ist. Solche Mängel mache ich an anderen Punkten fest.

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    1. Dito, Danny, da kann ich dir überall zustimmen! Ich hätte voll gern eine tätowierte und gepiercte Lehrerin gehabt :D

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